
ein Film von Pierre Le Gall
Frankreich/Polen 2026, 90 Minuten, französisch-englisch-polnische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
ein Film von Pierre Le Gall
In seinem LKW legt Fernfahrer Étienne täglich unendlich weite Strecken durch ganz Europa zurück. Sein Leben folgt dem strengen Zeitplan des Logistikunternehmens, dem Verkehr und anspruchsvollen Kund:innen. Menschlicher Nähe öffnet er sich nur selten: mit anderen schwulen Fernfahrern, flüchtige Treffen am Rand eines Parkplatzes, auf dem Rücksitz eines fremden LKWs. Doch mit Bartosz wird aus schnellem Sex eine echte Verbindung. Der polnische Trucker lacht der Einsamkeit mutig ins Gesicht und Ètienne kann nicht mehr ohne ihn. Doch wie zusammen sein, wenn beide ständig unterwegs sind?
Gibt es Liebe ohne Grenzen und was bedeutet wirtschaftlicher Druck für eine Beziehung, die gerade am Entstehen ist? In „Flesh & Fuel“ erkundet Regisseur Pierre Le Gall voller Empathie die Menschen, die mit ihren Lastwagen nahezu pausenlos ganz Europa durchkreuzen. Dabei räumt er auf mit dem Klischee der vermeintlich homophoben Arbeiterklasse: Die Liebe zwischen Ètienne und Bartosz ist nie das Problem – aber ihr wird es nicht leicht gemacht in einer Welt, in der das Herkunftsland die Chancen auf Wohlstand bestimmt. Doch auch davon lassen sich diese beiden nicht aufhalten. Ein realitätsnahes und dabei hoffnungsvolles Bild einer großen Liebe, in Cannes ausgezeichnet mit der Special Queer Palm Revelation.
„Flesh & Fuel“ verbindet Romantik mit der selten filmisch dargestellten Welt europäischer LKW-Fahrer:innen.
Während des ersten Covid-Lockdowns habe ich gerne Berichte über wenig glamouröse, aber essentielle Berufe geschaut. Mich beeindruckten Jene, die während dieser Ausnahmesituation unter noch gefährlicheren Umständen arbeiteten und einfach weitermachten. Besonders LKW-Fahrer:innen, deren Arbeit zu selten wertgeschätzt wird, schien ein Gefühl der Solidarität zu anzutreiben – Sie transportierten schließlich, was die Menschen zum Leben brauchen. Frankreich würde binnen 48 Stunden die Vorräte ausgehen, gäbe es keine LKW-Fahrer:innen. Viele sind die ganze Woche unterwegs. Ihr soziales Leben, die Familie und Beziehungen finden fast ausschließlich am Wochenende statt. Dennoch lieben sie die Straße. Auch das bewegte mich: Arbeitende, die Stolz auf ihren Beruf sind.
Wie sind deine beiden Hauptfiguren Étienne und sein polnischer Kollege Bartosz entstanden?
In Étienne steckt viel von mir, aber auch von Jean-Sébastien Lefort, dem LKW-Fahrer, durch den ich dem Beruf näherkam. Er ist eine gewissenhafte Person, einfühlsam und neugierig. Er war direkt bereit, mich mitzunehmen. Ich begleitete ihn nach England, wir wurden Zeuge der Öffnung der Grenze nach der Covid-19-Pandemie. Wir verstanden uns gut und ich begleitete ihn nach Italien und in die Schweiz. Jean-Sébastien wurde während der Dreharbeiten sogar zum technischen Berater für die LKW.
Bartosz habe ich konzipiert als jemanden, der frei im Geiste ist und sich dennoch gezwungen sieht, seine eigene Ausbeutung hinzunehmen um seine Freiheit zu gewinnen. Meine Recherchen zeigten mir, wie stark die Leben europäischer Fahrer durch Wettbewerb geprägt sind: Französische Fahrer:innen können es sich nicht leisten nur in Frankreich zu arbeiten. Das führt zu Spannungen; westliche Fahrer:innen hegen einen Groll gegenüber Kolleg:innen aus dem Osten. Der Wunsch nach Solidarität zwischen den Arbeiter:innen brachte die Figur des polnischen Fahrers hervor, der fremdenfeindliche Vorurteile untergräbt.
Wie hast du dich dieser Welt genähert?
Mein Zugang war Jean-Claude Raspiengeas’ soziologische Studie „Routiers“. Sein empathischer und präziser Schreibstil half mir, zu verstehen, wie Arbeiter:innen gesellschaftliche Verachtung erfahren sowie unter der ultraliberalen Politik Europas leiden. Ich selber erlebte Lagerhallen und Truckerstopps hautnah. Mich beeindruckte der zeitliche Widerspruch: der Stress, den Zeitplan einhalten zu müssen gegenüber dem Gefühl, dass sich die Zeit auf der Straße endlos in die Länge zieht.
Joseph Ponthus Roman „On The Line“ beschäftigte mich in der Zeit sehr. Der Autor folgte seiner Frau in die Bretagne, arbeitete am Fließband. Hinter der Poesie der Verse thematisiert er Entmenschlichung wie auch Liebe und Einsamkeit. Mit 42 starb er schließlich an Krebs. Eine Hommage an ihm im Film findet sich im fiktiven Transportunternehmen „Ponthus Transports“.
Ich traf außerdem Julien Depaeuw, Geschäftsführer von Depaeuw Transports. Wir drehten auf seinem Gelände, darunter auch die Grillszene und Étiennes LKW stammt aus seiner Flotte. Julien half mir außerdem dabei, all die Orte zu identifizieren, an denen es in der Transportwelt zwischenmenschliche Verbindungen gibt, damit ich sie im Film hervorheben konnte.
Die Handlung folgt ausschließlich Ètiennes Perspektive.
Ich wollte über Einsamkeit sprechen, Étiennes Einsamkeit. Bartosz bleibt oft außerhalb des Bildausschnits, das regt die Fantasie der Zuschauer:innen an. Sie sollten dieselbe Leere spüren wie Étienne, damit Bartosz Abwesenheit Fragen über sein Leben hervorruft – so wie es sich eben anfühlt, wenn man sich in jemanden verliebt, den man nicht oft sehen kann.
Ihre Liebesgeschichte und ihr Umfeld fängst du auf sehr sinnliche Weise ein.
Camille Perton, Martin Drouot und ich einigten uns früh darauf, ihre Geschichte nicht zu psychologisieren oder zu intellektualisieren. Ihre Emotionen werden stattdessen über Blicke und Gesten vermittelt, die auf ihrem gegenseitigen Verlangen beruhen – der sexuelle Instinkt, sich im Wald zu begegnen; die Euphorie des Wiedersehens. Dialoge kommen erst später ins Spiel, wenn sie zusammen sind, sprechen ihre Körper. Zuschauer:innen sollten dasselbe empfinden, wie wenn man sich verliebt: man jubelt, lacht, lebt … und vereint sich in Zärtlichkeit.
Das Szenenbild ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet…
Das Publikum sollte all die Details sehen, die den Trucker:innen-Alltag ausmachen. Ich studierte die zweckmäßigen Innenräume der LKWs, jede berufliche oder private Geste zwischen Kolleg:innen, die Sicherheitsmaßnahmen, Gespräche an der Laderampe oder über den Fernfunk. Dies ermöglichte es mir, beim Schreiben und der Regie sehr präzise vorzugehen und reine Beschreibung zu vermeiden. Die Szenen gestalteten sich sehr dynamisch.
Selbst die Lastwagen im Film wirken belebt.
Diese riesigen Maschinen haben mich schon immer fasziniert. Die Front mit den großen „Augen“ erweckt den Eindruck sie wären lebendig. Vor diesem Hintergrund musste Bartosz’ Lastwagen – rot, mit einem Panther auf dem Anhänger – Animalität und eine gewisse Erotik vermitteln. Étiennes Lastwagen, blau und zurückhaltend, ist ein strenges Arbeitsgerät. Seine Beziehung zu ihm ist, wie bei vielen LKW-Fahrer:innen, mechanisch, geordnet, respektvoll. Dennoch musste es auch hier eine sinnliche Note geben, weil Ètiennes LKW fast immer im Bild sein würde. Mit Produktionsdesignerin Anne-Sophie Delseries kamen wir auf die Plane, die im Wind flattert…
Und die Kulissen?
„Flesh & Fuel“ ist ein Film über Industrie und Nicht-Orte, in dem die Frage nach der Arbeit im Mittelpunkt steht. Die Regionen Hauts-de-France und Elsass, in denen wir gedreht haben, sind tief in der französischen Industriegeschichte verwurzelt. Gemeinsam mit unserem visuellen Department haben wir die Drehorte sorgfältige ausgewählt, um den Straßengüterverkehr in seiner Gesamtheit darzustellen. Besonders fasziniert haben uns die farbenfrohen Infrastrukturelemente der 1960er Jahre.Ich erinnere mich noch gut an meinen Besuch bei ArcelorMittal in Dunkerque – das war ein echter Schock! Die riesigen Metallkonstruktionen, der ohrenbetäubende Lärm, der Rauch, die Lichter – es wimmelte nur so vor Leben. Ich dachte an all die Arbeiter:innen, die ihr Leben lang diese Maschine am Laufen hielten. Ich wollte, dass alle industriellen Schauplätze im Film Eindruck hinterlassen, sei es durch ihre Architektur oder durch das geschäftige Treiben, das an einen Bienenstock erinnerte.
Der Film zeigt eine überwiegend männliche Welt, ohne dabei Frauen zu vergessen.
Ja, es gibt immer mehr LKW-Fahrerinnen, ungefähr 5 % der Belegschaft. In den Büros von Transport- und Logistikunternehmen sind sie teilweise zahlenmäßig stärker vertreten als Männer. Ich wollte diese Realität zeigen. Durch Anitas Stimme, die über das Funkgerät mit Étienne spricht oder durch dokumentarische Aufnahmen von Arbeiterinnen am Fließband. Diese Szene zeigen, wie Frauen genauso körperlich anstrengende Arbeiten verrichten. Dazu kommt die Szene mit Zaza im Raststättenrestaurant, die ganz unverblümt über Menstruation spricht – konkrete Realitäten, die vielen Männern gar nicht bewusst sind.
Die Sexszenen zwischen Étienne und Bartosz sind zugleich ungeschönt und zärtlich.
Dieser Film entstand aus einem einfachen Wunsch heraus: zwei hart arbeitenden Männern eine große Liebesgeschichte zu ermöglichen. Schon früh im Drehbuch kam die Sexszene im LKW auf. Dabei wollte ich mit dem beengten Raum der Fahrerkabine spielen und zeigen, wie sie diese für ihre Treffen nutzen. Für mich war es entscheidend, Sex so zu filmen, wie man Arbeit filmt: direkt, präzise und authentisch. Choreografiert hat die Sexszenen Intimitätskoordinatorin Stéphanie Chene. Ihre Perspektive half uns damit den Sex körperlich und sinnlich werden zu lassen.
Der Humor, der zwischen Étienne und Bartosz Humor aufkommt, wenn sie miteinander schlafen, schafft zudem Verbundenheit – auch zwischen dem Publikum, das mit ihnen lacht. Sex ist ein Dialog – einer, der nach dem Orgasmus weitergehen kann: Erst während sie wieder zu Atem kommen, sprechen sie zum ersten Mal wirklich miteinander.
Wie fiel die Entscheidung auf die beiden Hauptdarsteller?
Ich habe mich für Alexis Manenti wegen seiner geheimnisvollen Ausstrahlung entschieden. Sein Gesicht ist eine faszinierende, vielschichtige Landschaft, man weiß nie so recht, was er gerade denkt. Das war mir wichtig, da Étienne oft allein auf der Leinwand zu sehen ist. Außerdem gefiel mir sein solides Auftreten. Im Kontakt mit Bartosz bricht er auf und verändert sich.
Julian Swiezewski entdeckte ich über ein Foto, dass ein Freund mir von ihm zeigte. Julian sitzt auf einer Toilette, trägt Mütze und Trainingsanzug, die Hose um die Knöchel, und hält einen kleinen Hund im Arm. „Das ist er!“ habe ich gerufen. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Sechs Monate später, beim Casting in Warschau, war er der letzte der Vorsprach. Alles an ihm war Bartosz, von seinem Aussehen, der Mütze (die er auch im Film trägt), sein schüchternes Lachen, seine unbeschwerte Freiheit.
Und wie entstand die visuelle Identität des Films?
Lastwagen sind riesig und sehr schwer. Wir mussten uns was einfallen lassen, um Bewegung ins Bild zu bringen. Zusammen mit unserem DoP Antoine Cormier entschieden wir uns für Handkameraaufnahmen. Unser Ziel: die Energie der Menschen inmitten der kapitalistischen Maschinerie einzufangen. Die Kamera bleibt im LKW, das Publikum erlebt die Straße nur durch die Fahrerkabine. Diese sich wiederholenden Aufnahmen kreieren eine visuelle Routine. „Flesh & Fuel“ ist insofern ein Anti-Roadmovie. Der Horizont fehlt. Es gibt keine Fluchtpunkte, keine Perspektive: die Straße weckt keine Träume – sie schränkt ein.
Trotzdem strotzt der Film vor Leben, man erlebt Étiennes Gefühlswelt hautnah.
Xavier Sirven hatte eine ganz klare Vorstellung, wie der Schnitt aussehen sollte: Wenn Étienne keine Zeit hat, sein Leben zu leben, dann hat auch das Publikum keine Zeit, ihm zu folgen. Nur Bartosz schafft es, ihn zu bremsen. Im Film hält die Liebe die Zeit an. Schon während der Drehbuchphase beschäftigte mich eine Frage: Wenn wir unser Leben mit Arbeit verbringen mit dem Ziel, irgendwann frei und in Würde leben zu können, wie viel Zeit bleibt uns dann noch, um uns den Menschen zu widmen, die wir lieben?
Während der Arbeit am Film, starb der Mann, der mich großgezogen hat, innerhalb von acht Wochen an einem plötzlichen Krebsleiden. Er hatte sein Leben lang für seine Familie gearbeitet und starb zwei Tage nach seiner Pensionierung. Die Botschaft meines eigenen Films traf mich wie ein Schlag…
Kannst du abschließend noch etwas zur Musik sagen?
Das Motiv des Atems spielt eine zentrale Rolle. Deshalb wollte ich, dass ein Blasinstrument Étienne verkörpert. Er spricht wenig, und ich wollte, dass die Musik den Zugang zu seinen Gefühlen ermöglicht. Mit Paul entschieden wir uns für eine Klarinette wegen ihrer Tiefe und ihrer leichten Unbeholfenheit in den hohen Tönen. Die Klarinette verkörperte mal den reisenden Étienne – streng und selbstbewusst – und mal den Liebhaber Étienne – schwankend und zärtlich.
Für Paul, der aus der Techno-Szene kommt, war das eine ziemliche Herausforderung – er komponierte zum ersten Mal für Klarinettist:innen! Während des gesamten kreativen Prozesses musste die Musik körperliche Empfindungen hervorrufen, bis hin zum Abspann. Für mich war es entscheidend, dass der Film auf einer freudvollen Note endet und das Publikum das Kino auch so verlässt.
Regie
Pierre Le Gall
Drehbuch
Pierre Le Gall, Camille Perton, Martin Drouot
Kamera
Antoine Cormier
Ton
Cédric Berger, Renaud Bajeux, Xavier Thieulin
Schnitt
Xavier Sirven
Musik
Paul Sabin
Szenenbild
Anne-Sophie Delseries
Kostüm
Caroline Spieth
Produzent
Nicolas Blanc
Étienne
Alexis Manenti
Bartosz
Julian Świeżewski
Jordan
Armindo Alves de Sa
Sandra
Julie Duclos
Claude
Bernard Dereyne
Eine Produktion von Ex Nihilo
in Koproduktion mit Lumisenta Film Foundation
mit Unterstützung von CINÉ+ OCS, CNC, PICTANOVO, La Région Hauts-de-France,
Strasbourg Eurométropole in partnership with CNC, LA PROCIREP-ANGOA
in Zusammenarbeit mit Indefilms 13, Cinecap 8, Cineaxe 6
im Verleih von Salzgeber